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Ohne das Herz zu berühren

23.05.2016

Eine neue Generation von Defibrillatoren ist auf dem Markt. Sie heißen S-ICD. Das S steht dabei für subkutan (unter die Haut) und erklärt das Neuartige: Die Elektroden der neuen Geräte müssen nicht mehr über das Venensystem zum Herzen gebracht und dort verankert werden. Sie werden einfach unter die Haut gelegt. Das neue Gerät findet in den Kliniken im Naturpark Altmühltal Anwendung.


Was ist ein ICD?

Ein implantierbarer Cardioverter-Defibrillator (ICD), auch "Defi" genannt, ist ein Elektroschockgerät in Miniaturausgabe, das bei Patienten mit hohem Risiko für lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen eingesetzt wird. Das Gerät überwacht den Herzrhythmus und gibt im Falle von gefährlichen Herzrhythmusstörungen wie Herzrasen oder Kammerflimmern Impulse oder Elektroschocks ab, um das Herz wieder in den richtigen Takt zu bringen. Dieser Vorgang wird als Defibrillation bezeichnet.

ICDs bestehen aus einem Gehäuse mit Minicomputer und Batterie und mindestens einer Sonde, welche über das Venensystem in der rechten Herzhauptkammer verankert wird. Die Elektroden des ICD liegen in der Herzkammer und haben dadurch direkten Kontakt zum Herzmuskel.


Prof. Hansen bei der Implantation eines S-ICD. Es ist nur eine örtliche Betäubung nötig, um Aggregat und Elektrode einzupflanzen.

Zwei kleine Schnitte braucht es, um die neuen Defibrillatoren unter die Haut zu bringen. „Der eine Schnitt wird unterhalb der Achselhöhle gemacht. Dort wird in eine Muskeltasche das 9 mm dünne Aggregat eingelegt“, erklärt Prof. Alexander Hansen, Angiologe und Kardiologe der Kliniken im Naturpark Altmühltal. „Der zweite Schnitt wird direkt am unteren Ende des Brustbeins gemacht. Mit einer Einführhilfe wird die Elektrode über diese Öffnung neben das Brustbein geschoben. Anders als bei einem herkömmlichen Gerät bleiben das Herz und die Blutgefäße bei dem subkutanen Kardioverter Defibrillator unberührt.“

Das bringt einige Vorteile mit sich. Das Gerät kann viel einfacher implantiert werden. Außerdem hat der Träger beim Sport uneingeschränkte Beweglichkeit in der Schulter und ein geringeres Risiko für eine Entzündung oder einen Kabelbruch. Dies ist das große Plus gegenüber den bisherigen Geräten, bei denen das Aggregat unter das Schlüsselbein gelegt und ein Kabel innerhalb einer Vene vom Aggregat zum Herzen geführt wird, wo die Elektrode mit dem Herzen verbunden wird.

Mehr Bewegungsfreiheit, keine Verwachsung mit dem Herzen

Insbesondere für jüngere Patienten, die noch aktiv sind und es auch weiterhin sein möchten, ist also das neue System ideal. Der Basketballspieler Allan Chaney konnte mit diesem Gerät zunächst sogar seine Profilaufbahn fortführen.

Jedoch bringt die Lage abseits des Herzens auch Erschwernisse: im Vergleich zu den bisher gängigen ICDs müssen beim neuen S-ICD stärkere Stromstöße abgegeben werden, um die Arrhythmien zu beenden. Auch werden Herzrhythmusstörungen unter Umständen schwerer erkannt. Zudem kann das Gerät bisher nur Elektroschocks abgeben. Eine Schrittmacherfunktion ist noch nicht integriert. „Der S-ICD ist daher nur bei Patienten anwendbar, die bösartige Herzrhythmusstörungen und ein Risiko für einen plötzlichen Herztod haben“, erklärt Prof. Hansen. Benötigt der Patient zusätzlich einen Herzschrittmacher, ist das Gerät nicht geeignet. „Der neue S-ICD wird daher die herkömmlichen Defibrillatoren nicht verdrängen. Er ist als Ergänzung bei bestimmten Krankheitsbildern zu sehen“, meint Prof. Hansen.

Das neue Gerät kann unter örtlicher Betäubung eingesetzt werden. Danach bleibt es im Körper, bis nach ca. 7 bis 8 Jahren die Batterie verbraucht ist. Dann muss in einem kleinen Eingriff nur das Aggregat entfernt und die neue Batterie eingesetzt werden. „Die Elektrode kann bei der neuen Technik rückstandslos aus dem Körper entfernt werden. Bei den derzeitigen Standardgeräten ist sie oft mit dem Herzen verwachsen. Sie verbleibt dann im Körper, wenn das gesamte Gerät zum Beispiel wegen eines Kabelbruchs ausgetauscht werden muss“, sagt Prof. Hansen. Die hundertprozentige Entfernbarkeit bietet eine bessere Ausgangslage auch bei seltenen Komplikationen wie einer Entzündung.

Insgesamt scheint die neue Technologie sich rasant positiv zu entwickeln. Bisher wird das Gerät rund 1.000 Mal pro Jahr implantiert. Über 200 Kliniken allein in Europa nutzen es für ihre Patienten. Auch in München, Nürnberg und Augsburg ist es im Einsatz. In Zukunft soll der S-ICD auch mit Schrittmachern zusammenarbeiten können. „Dann wird er auch für unsere Patienten mit zu langsamem Herzschlag eine interessante Option“, meint Prof. Hansen.